Bist du schwanger Frage

Es ist Sommer, der Winterschlaf ist endlich vorbei. Die Schlabberpullis werden in der Schublade unter dem Bett verstaut und die T-Shirts, Kleider und kurzen Hosen rausgeholt. Es wird heißer und somit die Klamotten auch zwangsläufig kürzer, je nach Geschmack enger oder luftiger, kurz gesagt, den Temperaturen angemessener.

Es scheint mir, als würden die Leute wirklich jedes Jahr erneut aus einem Winterschlaf erwachen, sich neu umschauen, ihr Umfeld endlich wieder richtig wahrnehmen. Und wenn sie mich so anschauen in meinem ‘Summer Body’, dann scheint sie eine Frage besonders zu beschäftigen: Bist du schwanger?

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Vor ein paar Wochen habe ich unterwegs einen Bekannten getroffen, der mit seinem Vater unterwegs war. Ein Kind ist natürlich ein guter Aufhänger für Smalltalk, also war der klassische Gesprächseinstieg „Ach, wie süß. Wie alt ist er denn und wie heißt er?“ Darauf folgte die zweite Smalltalk-Ebene – der Moment, in dem man seinem Gegenüber näher kommen möchte, persönlicher wird. „Und? Das nächste ist schon unterwegs?“ … Ein freundliches Nein meinerseits und eine peinliche Stille ihrerseits beendeten die Zusammentreffen mit diesen Bekannten dann meist relativ schnell.

Was davon übrigblieb war beim ersten Mal das Lachen über diesen kurzen, unangenehmen Moment. Beim zweiten Mal war ich wütend, beim dritten Mal kam die Unsicherheit und beim vierten Mal, gestern Abend bei unserem Stamm-Asiaten beim Abholen der Gemüse-Tofu-Pfanne war ich einfach nur noch genervt.

Ja, ich habe ein Kind bekommen. Klar, ich habe diesen ‘übriggeblieben’ Bauch. Aber legitimiert dieser nun alle Menschen, mir immer wieder diese Frage zu stellen? Kurz und schmerzlos: Nein.

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Ich möchte euch, lieben Fragenden, gar keine böse Absicht unterstellen. Allerdings ist es schlichtweg so: Es geht euch überhaupt nichts an. Deswegen fragt verdammt noch mal gar nicht erst.

Es gibt ja immer besondere Anlässe, zu der diese Frage besonders häufig gestellte wird. Beispielsweise wenn bei einer Party auf Alkohol verzichtet wird. Versetzt euch mal in folgende Situation: Ihr trefft auf solch einer Veranstaltung eine Bekannte, die an ihrem Orangensaft nippt. Klar, könnte sein, dass sie schwanger ist. Es könnte aber genauso gut sein, dass sie letzte Woche in der Kinderwunsch Klinik war und sich nun für Alkoholverzicht entschieden hat, um ihren Körper nicht unnötig mit Schadstoffen zu belasten. Für diese Freundin bedeutet eure (vielleicht sogar höflich gemeinte) Frage vermutlich ein Wirbelsturm der Gefühle. Und das krasse: Es gibt viel mehr Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch, als ihr denkt.

[Wenn ihr euch für den Prozess und die Aufarbeitung von unerfülltem Kinderwunsch interessiert, dann lest unbedingt mein Interview mit Lea Lemon hier: Komm schon, Baby! Wie fühlt es sich an, wenn das Wunschkind ausbleibt?]

Nun bin ich bisher nicht eine der Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch und trotzdem lösen diese Fragen natürlich etwas in mir aus. Gefühlt werde ich nämlich gezwungen, ein Statement zu meinem Körper abzugeben. Jemand dachte ich bin schwanger, also ist ihm oder ihr mein dicker Bauch, mein rosiges Auftreten und Schnaufen aufgefallen. Aber verdammt, ich bin ja gar nicht schwanger. Wie “entschuldige” ich also diesen Eindruck?!?!?!????

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Ich bin 168 Zentimeter groß, trage Größe 38 und habe schon mein Leben lang nicht das Bedürfnis oder die Selbstdisziplin meinen Bauch einzuziehen. Ich mache beim Essen und arbeiten am Laptop fast immer meinen Hosenknopf auf, einfach weil es bequemer ist und ganz ehrlich – klar, da gibt es besonders nach dem ersten Kind einige Rundungen und weiche Stellen.

Rechtfertige ich mich hier gerade? Das will ich eigentlich nicht, aber leider häufen sich die Fragen nach meinem imaginären zweiten Kind und ich merke, das macht was mit mir. Es nervt mich.

Eine Auswahl der Fragen, die ich in dem Kontext übrigens auch unangemessen finde:
  • Wann ist es denn bei euch so weit?
  • War es ein Wunschkind?
  • Und wie lange habt ihr es probiert?

Tut mir leid, liebe Leute. Ich merke es ja, diese Fragen brennen euch unter den Nägeln, aber seid euch sicher: Wenn die Betroffenen ihre Kinderwunsch-Gedanken oder Erfahrungen mit euch teilen möchten, dann werden sie das sicher tun.

Und wenn ihr, liebe Mitgeplagte, gute Antworten auf die hier aufgezählten Fragen habt, oder Fragen, die ihr genauso anmaßend findet, dann schreibt sie bitte, bitte in die Kommentare! Ich freu mich auf eure Meinungen.

4 Kommentare

  1. Moin Pia,

    statt angepisst zu sein, wegen zu persönlich gestellter Fragen – wie bei vielen Frauen heute – könntest Du auch mal ein Praktikum bei z.B. Türken machen “Wie wird man cool und kann locker und humorvoll mit solchen Fragen umgehen”. Ich hätte kein einziges Problem mit einer von Deinen benannten Fragen. Diese würde ich, wenn ich Du wäre, locker, ehrlich, wenns sein muss mit Humor, aus der Hüfte heraus geschossen beantworten. Sei nicht so BRD oder Schlaand (Weichei), sei mehr Türkei oder Russland (Rückgrad)!

    1. Hallo Influenza Bob,
      deinem Namen entnehme ich, dass du ein Mann bist?
      Wenn dem so ist, dann glaube ich, dass du die Brisanz der Frage nach der Schwangerschaft und auch der Veränderung, die ein Körper danach durchmacht, nicht wirklich (oder auch nur ansatzweise) nachvollziehen kannst.
      Hast du den Blogpost gelesen? Darin schreibe ich ganz genau, warum ich finde, dass diese Frage(n) zu persönlich sind und ich finde es ehrlich gesagt schwierig, von einem Mann gesagt zu bekommen, dass ich mich “locken machen soll”.
      Das hat meiner Meinung nach auch rein gar nichts mit Nationalität zutun.

  2. Ich gebe Dir völlig recht, diese Frage stellt man einfach nicht. Ich rege mich gerade tierisch auf, weil meine Kollegen mich da grad regelrecht darauf festnageln. Ja, ich bin schwanger, aber es geht sie verdammt nochmal nix an und es ist meine Entscheidung, wann ich wen davon erzählen möchte. Man wartet mit einer solchen Information gewöhnlich die ersten 12 Wochen ab und danach sind es gewiss nicht die Kollegen, die zuerst davon erfahren. Egal, ob schwanger oder nicht, die Frage danach will keine Frau hören und jeder halbwegs sozial-/emotionalkompetente Mensch sollte wissen, dass es ein Tabu ist sie zu stellen. Punkt!

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