joshua sazon

Liebe Maja,

ich muss dir was sagen. Ich kann mich noch ganz genau an den Moment erinnern, als du im Sommer vor mir standest. Wir hatten uns zwei Monate nicht gesehen, nur viel geschrieben, um uns so auf dem Laufenden halten. Doch da war eine Sache, die du mir persönlich sagen wolltest. Ich wusste schon in der WhatsApp Nachricht, was du meinst und jetzt stehst du vor mir und strahlst, das Lachen zieht sich bis zu den Ohren, die Augen leuchten und man sieht wie glücklich du bist.

„Ich bin schwanger!“, verkündest du mir. Ich schau dich ganz genau an, dein Lachen, dein strahlendes Gesicht, deine Mimik und Gestik und versuche sie nachzuahmen als ich sage: „Ich freue mich für dich.“ Das tue ich auch irgendwie, denn ich weiß, wie sehr du dir das gewünscht hast. Aber ein Teil von mir freut sich nicht. Ein Teil von mir weiß genau, wie die nächsten Monate verlaufen werden und der Schmerz fängt schon an zu ziehen.

Die Schwangerschaft ist noch recht lustig. Du hast viel Zeit, vor allem die Wochen vor der Geburt. Es gibt zwar keine wilden Partynächte mehr, dafür lange Spaziergänge und viele Stunden im Café. Doch das ist völlig in Ordnung und ich genieße die Zeit. Die Zeit mit dir.

Irgendwann sind die neun Monate rum, dein Baby kommt auf die Welt und ja, du bist jetzt Mama. Ich lasse dich die ersten Wochen erst einmal in Ruhe. Alles ist neu, alles ist anders. Dann kommt der erste Besuch bei euch und ich sehe nicht nur, dass jetzt alles anders ist, ich merke es auch. Ich freue mich für dein Glück und es macht mir Spaß, dich in deiner neuen Rolle zu sehen. Und es macht mir auch am Anfang gar nichts aus, dass keine Gegenfrage kommt, wie es mir denn geht. Es ist wirklich ok, denn dein Leben hat gerade so viel Änderungen, die mich auch interessieren.

Ich fiebere mit, ich versuche mir das vorzustellen, was du durchmachst und wie es ist, doch solange ich keine eigene Kinder habe, spiele ich einfach nicht in der Liga mit. Und ich merke, dass man mich nicht für voll nimmt. Und ich merke, dass es sich auch nicht mehr ändert, dass sich alles nur um dich dreht.

Auch die ersten drei Monate sind eigentlich noch entspannt. Zwischen Stillen und Aufräumen ist immer mal wieder Zeit für eine kurze Antwort auf meine Nachrichten, die ich immer wieder schreibe, denn ich will nicht, dass es so wird wie bei allen anderen. Doch wer fragt schon danach, was ich will. Es passiert einfach. Genauso wie bei Anna und bei Julia und bei Tina. Sie werden Mütter und ihr Leben ändert sich. Sie werden Mütter und erzählen mir, wie erfüllend das alles ist und dass sie jetzt wissen, wo ihre Prioritäten sind. „Ein Kind zeigt dir, auf was es wirklich im Leben ankommt“, schwärmen sie mir immer alle vor – und ich muss schmerzhaft feststellen, dass ich während dieser Phase immer hinten runter falle, wie ein Heuballen vom Traktor.

Ich habe für so viel Verständnis. Ich kann mir wirklich vorstellen, was für ein Spagat das zwischen Mann und Kind, Arbeit, Aufräumen, Hobbys und Freunde ist. Doch egal wie sehr ich mir das auch vorstellen kann, es tut trotzdem weh. Ich verlange doch gar nicht viel. Ich weiß, dass es nie wieder solche Wochen geben wird, wie als wir mit dem Backpack auf dem Rücken und der Freiheit im Herzen die Welt erobert haben. Und das ist okay! Ich verlange auch gar nicht, dass wir uns jeden Monat sehen, auch das ist ok! Aber ich würde mir so wünschen, nicht das Gefühl zu bekommen ganz alleine am Wegrand zurückgelassen worden zu sein.

Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass dort noch irgendeine Schnur ist, an der ich hänge und mit der du mich vielleicht auf deiner Autobahn durchs Leben noch hinter dir herziehst.

Der schlimmste Moment ist immer, wenn die Danksagungskarte zur Geburt kommt, in der ihr noch einmal ausführlich beschreibt, dass euer Leben jetzt einen Sinn hat, wie glücklich und vollkommen ihr seid, dass ihr das größte Glück auf Erden gewonnen habt und ich sehe euch an wie glücklich ihr seid und wahrscheinlich tut es so weh, weil du mir so wichtig bist, Maja. Aber ich merke, dass ich hier der Loser bin und dich verloren habe zwischen Windeln und Stillen.

Ich habe mein Bestes gegeben, doch es hat nicht gereicht. Du hast deine Prioritäten gefunden und ich bin nicht dabei. Es tut weh, aber es wird auch besser. Vielleicht tut es auch nur so weh, weil ich ja keine Kinder habe und so viel Zeit mir überhaupt über so etwas Gedanken zu machen … Ich weiß es nicht …

Du führst jetzt dein Leben, Maja. Aber vielleicht, vielleicht kommen wir irgendwann wieder zusammen, wenn mich der Asphalt der Autobahn bis dahin nicht völlig zerfetzt hat.

Deine Marie

Titelbild: joshua sazon via unsplash

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